Wolfsburg. Wenn Fans einer Mannschaft applaudieren, die gerade mit 0:5 verloren hat, sagt das viel über die Leistung der Kicker aus. Eben diese Szene spielte sich am Sonntagnachmittag im AOK-Stadion ab. Mit 0:5 hatte der VfB Oldenburg bei den Jung-Profis des VfL Wolfsburg II verloren und konnte vor allem die Höhe der Niederlage hinterher so gar nicht fassen, und das aus gutem Grund.

Mehr als eine Stunde lang hatten die Gäste bei dem Tabellenführer ein Spiel auf Augenhöhe abgeliefert, hatten allerbeste Chancen, doch innerhalb von fünf Minuten wurde der Spielverlauf fast auf den Kopf gestellt. Aber der Reihe nach.

Die Begegnung beim Titelverteidiger stand bereits vor dem Anpfiff unter keinem guten Stern. Kevin Kalinowski musste aufgrund einer Innenbandverletzung passen, Dominique Ndure fehlte den Blauen aufgrund einer Zerrung. Für sie rückten Jeffrey Volkmer und Fabian Herbst in die Startformation. Zudem hatte sich Alexander Kiene für Pascal Richter entschieden, dafür blieb Kifuta anfänglich auf der Bank.

Wie groß der Respekt der Gastgeber vor dem VfB war, dokumentierte derweil die Aufstellung des Titelanwärters. Statt einer Nachwuchsmannschaft stand eine regelrechte „Millionentruppe“ auf dem Spielberichtsbogen, denn die Wolfsburger hatten eine kräftige Personalanleihe beim Bundesligakader genommen. Mit Daniel Ginczek, Elvis Rexhbecaj, dem österreichischen Nationalspieler Xaver Schlager und Ismail Azzaoui standen gleich vier Profis in der Anfangsformation, deren Gesamtmarktwert auf über 35 Millionen Euro taxiert wird (Quelle u.a. www.transfermarkt.de).

Vor 301 Zuschauern, darunter zahlreiche Fans des VfB, die auf den Tribünen lautstark den Ton angaben, war zu Beginn kaum etwas von dem zu erwartenden Klassenunterschied zu sehen. Im Gegenteil, die Oldenburger waren perfekt eingestellt und zeigten sich vollkommen unbeeindruckt. Mehr noch, die Blauen hatten auch die erste gute Chance in einem temporeichen Spiel und was für eine. Pascal Richter hatte den Ball von der linken Seite mustergültig zurückgelegt, Enis Bytyqi direkt abgezogen, aber Pech, dass Torhüter Lino Kasten abtauchen und den Ball zur Seite abwehren konnte (12. Minute).

Auf der anderen Seite kam nach gut 15 Minuten Daniel Ginczek, der ansonsten gegen den starken Fabian Herbst keinen Stich machte, zum Abschluss, zielte aber am Tor vorbei. Fast im Gegenzug waren die Oldenburger wieder dran. Nach einem Einwurf konnte Pascal Steinwender den Ball mit der Brust für Ibrahim Temin ablegen, der aus spitzem Winkel zum Abschluss kam, doch erneut war Kasten zur Stelle und stand dem Rückstand im Weg. Weitere 120 Sekunden später waren wieder die Wolfsburger am Drücker, doch Karamoko verfehlte das Oldenburger Tor.

„Hier geht was“, dürfte bis dahin die klare Überzeugung bei allen Gästen gewesen sein, die auch nach dem ersten Nackenschlag nicht wirklich schwinden sollte. Der starke Elvis Rexhbecaj kam im Strafraum zum Schuss und traf zum durchaus schmeichelhaften 1:0 für die Bundesliga-Reserve (23.). Damit nicht genug, denn fünf Minuten später war das Spiel für Patrick Posipal vorbei. Aufgrund einer Verletzung wurde er durch Efkan Erdogan ersetzt, der sich in der Folge gut ins Oldenburger Spiel einfügen sollte.

Mit der Führung im Rücken wurden die Wolfsburger etwas dominanter und kamen durch den starken Schlager zu Chancen, die Dominik Kisiel allerdings abwehren konnte (33. und 41. Minute). Dazwischen gab es eine weitere Szene, die im weiteren Spielverlauf Folgen haben sollte. Andrej Startsev hatte Julian Justvan von den Socken geholt und wurde dafür mit der gelben Karte bestraft. Insgesamt spielten die Blauen aber weiterhin mehr als gut mit und erarbeiteten sich immer wieder gute Gelegenheit. Unmittelbar vor der Pause kreierten sie zudem noch einen der schönsten Angriffe des Spiels. Steinwender hatte auf Startsev gepasst, dessen perfekte Flanke Bytyqi zu einer Volleyabnahme nutzte (43.). Die Krönung in Form des Ausgleichs blieb dem VfB aber verwehrt, der Ball rauscht knapp über die Latte.

Das Gefühl der vergebenen Chancen sollten die Blauen aber noch mehrfach haben, denn nach dem Wechsel drückten sie mächtig aufs Tempo und nahmen den Taktstock dieser Partie beherzt in die Hand. In der 54. Minute war es der fleißige Pascal Richter, der zum Abschluss kam, aber zu hoch zielte, vier Minuten später wurde es für die Wölfe noch brenzliger. Startsev hatte Steinwender geschickt, der frei vor dem Tor auftauchte, aber den Ball neben das Gehäuse setzte. Der VfB war am Drücker, die Gastgeber hingegen wurden überaus nervös, was sich auch darin zeigte, dass Trainer Rüdiger Ziehl direkt einen Wechsel vornahm. Marmoush kam für Karamoko ins Spiel.

Längst hofften nicht nur die unermüdlich anfeuernden VfB-Fans, dass ihre Mannschaft zeitnah ausgleichen würde, denn die Blauen drängten und schnürten die Gastgeber regelrecht in deren Hälfte ein. Dann allerdings sollte Schiedsrichter Marius Schlüwe dem Spiel eine entscheidende Wendung geben. Einen Schuss von der Strafraumgrenze hatte Startsev geblockt, als der Unparteiische zur Wolfsburger Überraschung und zum Entsetzen der Oldenburger nicht nur auf Elfmeter entschied, sondern Startsev auch noch mit gelb-rot vom Platz schickte. Alex Kiene konnte es nicht fassen und machte seinem Unmut lautstark Luft und das war nachvollziehbar, denn Startsev hatte sich beim Schuss nicht nur weggedreht, sondern auch den Arm klar erkennbar angelegt. Von einer Vergrößerung der Körperfläche, die einen Elfmeter eher gerechtfertigt hätte, konnte nicht die Rede sein.

Daniel Ginczek interessierte das wenig. Der Profi setzte den Ball zum 2:0 in die Maschen (63.). Der VfB war sichtlich geschockt und es kam noch schlimmer. Nur eine knappe Minute später war Ginczek vollkommen frei und lupfte den Ball zum 3:0 über Kisiel hinweg ins Tor (64.). Das Spiel war entschieden und drohte jetzt zu einem echten Desaster zu werden. Wolfsburg hatte jetzt Oberwasser und drängte weiter. Mit Erfolg, denn Justvan (67.) und Mamoush (75.) erhöhten im weiteren Verlauf auf 5:0, ehe die Blauen noch etwas Schadensbegrenzung betreiben konnten.

 

Alex Kiene: „Die Szene zum Elfmeter war klar spielentscheidend. Für mich war es eine Fehlentscheidung. Bis dahin waren wir keineswegs die schlechtere Mannschaft.“

Jürgen Hahn: „Das Ergebnis tut schon weh. Wir haben dem Tabellenführer mehr als eine Stunde lang einen Kampf auf Augenhöhe geboten. Am Ende entscheiden der Elfmeter und die individuelle Qualität, denn Wolfsburg nutzt seine Möglichkeiten, wir dagegen nicht.“

Andrej Startsev: „Ja, ich bekomme den Ball an den Arm, aber wo soll ich hin, der schießt aus drei, vier Metern, ich kann mich ja nicht auflösen und habe den Arm außerdem am Körper.“

VfL Wolfsburg II: 36 Lino Kasten – 5 Jannis Heuer, 23 Michele Rizzi, 6 Tim Siersleben – 37 Elvis Rexhbecaj – 10 Julian Justvan, 21 Ismail Azzaoui (79. 2 Davide Itter), 35 Xaver Schlager, 11 Luca Horn – 22 Daniel Ginczek (71. 29 Charles-Jesaja Herrmann), 9 Mamoudou Karamoko (60. 7 Omar Marmoush)
Trainer: Rüdiger Ziehl

VfB Oldenburg: 1 Dominik Kisiel – 27 Andrej Startsev, 23 Fabian Herbst, 8 Kai Bastian Evers (71. 11 Kifuta Kiala Makangu), 5 Jeffrey Volkmer – 6 Patrick Posipal (27. 22 Efkan Erdogan), 21 Nico Matern – 7 Pascal Steinwender, 20 Ibrahim Temin, 18 Pascal Richter – 9 Enis Bytyqi (86. 30 Fynn Luca Friedrichs)
Trainer: Alexander Kiene

Tore: 1:0 Elvis Rexhbecaj (23.); 2:0 Daniel Ginczek (63.); 3:0 Daniel Ginczek (65.); 4:0 Julian Justvan (68.); 5:0 Charles-Jesaja Herrmann (75.)

Schiedsrichter/in: Marius Schlüwe – Assistenten: Nils-Rene Voigt, Malte Quoos

Zuschauer: im AOK Stadion

Gelbe Karte: Ismail Azzaoui / –

Gelb/Rote Karte: – / Andrej Startsev (62., Handspiel)